Wie groß ist Jesus?

Meine alte Geschichte beginnt mit dieser Frage. Am Ende der Sommerferien 1945 hätte ich geantwortet: er ist so groß wie eine Weinkiste

(Weinflaschentransportkiste). Damals war die Zeit sehr schlimm. Helmut Thielicke hatte gemahnt: Seid Fackelträger, Schlußlichter gibt es genug! Das Unrechtsbewußtsein war auf dem Nullpunkt.

In Wuppertal war die Zahl der Hauseinbrüche und Diebstähle sehr hoch. Man suchte sich zu schützen. Mit einem Lehrling bekam ich den Auftrag, in der Schubertstraße Lampen an den vier Ecken eines Hauses anzubringen. Über den Dachboden konnten wir nur kriechend die Ziele erreichen. Der Boden war leer. Nur an einer kaum zugänglichen Stelle stand eine Weinkiste aus der Vorkriegszeit. Viele Stangen und etliche Einzelstücke Kernseife lagen darin. Der Schwarzmarktwert musste enorm sein. Der Besitzer wusste bestimmt nichts von seiner wertvollen Seife. Er hatte sie vergessen. Wenn ich an die kleinen Bröckchen dachte, die man Seife nannte, und die ich in der alten Tasche bei mir hatte, um mich zu waschen, war mir eklig. „Wir nehmen ein Stück raus, nur ein Stück, das fällt nicht auf.“ sagte mein Lehrling. Doch dann wurde uns klar, wir können unseren Auftrag zur Sicherung des Eigentums nicht ausführen, und selbst zu Dieben werden. Die Arbeit war für 2 Tage angesetzt. Am nächsten Tag stand sie immer noch da, die Kiste, immer noch verlockend der Inhalt. Die alte Kiste aber, je länger wir sie sahen, wurde uns zur Hemmschwelle. Als wir unsere Arbeit beendeten, nur noch der Arbeitszettel vom Auftraggeber zu unterschreiben war, wurden wir freundlich mit Dank verabschiedet. Da hörten wir: „Sie haben ja die die alte Kiste gesehen, mein Vater hat sie mit dem Inhalt versteckt. Seife aus unserem noch nicht ausgebombtem Betrieb. Gefunden habe ich sie und alle Stücke gezählt. Ein Päckchen für sie habe ich gepackt, das sie als Dank mitnehmen möchten.“ - - - eine ganze Stange Kernseife.

Seit diesem Tage weiß ich, wie groß Jesus Ist.

Adolf Müller