In dieser Adventszeit habe ich mal wieder eine Briefmarke entdeckt, bei der mir das Herz aufging. „500 Jahre Sixtinische Madonna“ heißt sie, zeigt die zarte Mutter Gottes, auf dem Arm den nackten, kleinen Jesus. Beide mit dem durchdringenden Blick in die Ewigkeit gerichtet, wie man ihn häufig in Gemälde der Renaissance findet.

Die hätte ich gern, dachte ich, und wartete ungeduldig bis mich ein Brief erreichte, bei dem die Marke nicht komplett zu gestempelt war.

 – Und gestern kam er!  Ich nahm den Brief, trennte den hinteren Teil des Umschlags ab, fingerte an den Seiten entlang. Oh weh, zu schnell war`s geschehen, die Unterkante war bis zur Hälfte eingerissen. Wegschmeißen, schoss es mir durch den Kopf. Aber eine andere bekommst du vielleicht nicht? Ich betrachtete das feine, kleine Kunstwerk. Das Bild ist immer noch wunderschön.

– Nein, entschloss ich mich, ich werde ab jetzt ganz besonders vorsichtig mit ihr umgehen und ihre Unvollkommenheit durch größere Umsicht wettmachen. Und so löste ich die Marke im Wasserbad vollständig ab und trocknete sie an einem sicheren Ort. Sie liegt hier vor mir und den Riss sieht man nur, wenn man ganz genau hinsieht.

Gott, kam es mir, schmeißt uns auch nicht weg, weil wir unvollkommen sind und nur in wenigen Teilen dem Ebenbild entsprechen, zu dem er uns geschaffen hat. Er geht mit uns besonders behutsam um und will für uns das Beste. Er sieht die Kostbarkeit in uns, trotz aller Risse.


Almut