Erbarmt euch derer, die zweifeln.           Judas 22


Mitgefühl mit den Zweiflern

Ungeschminkt erzählt die Bibel, dass selbst die großen Vorbilder im Glauben nicht von tiefen Zweifeln verschont blieben. Da ist Abraham, der mit 75 Jahren einen starken Glauben beweist, als er auf die Aufforderung Gottes hin seine Sachen packt und in ein fremdes Land aufbricht. Doch als sich auch nach Jahren der versprochene Nachwuchs immer noch nicht einstellt, werden die Zweifel in ihm immer stärker, und er lacht ungläubig über die Zusage Gottes (1.Mose 17,17).

Und welchem Bibelleser fällt nicht spontan beim Thema „Zweifel“ Thomas ein; jener Jünger, der es einfach nicht glauben kann, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und der voller Zweifel beteuert: Erst wenn ich ihn selber sehe und ihn mit meinen Händen berühren kann, will ich´s glauben, dass er lebt (Johannes 20,25). Bekanntlich überwindet Jesus die Zweifel seines Jüngers, indem er auch Thomas persönlich erscheint und auffordert, ihn mit seinen Händen zu berühren. Jesus hat Mitgefühl mit dem zweifelnden Jünger, auch wenn er anschließend ausdrücklich diejenigen beglückwünscht, die nicht sehen und doch glauben (Vers 29). Als selbst vor seiner Himmelfahrt immer noch einige Jünger zweifeln, sortiert er die „Wackelkandidaten“ nicht aus, sondern schließt sie in seine Beauftragung zur weltweiten Mission mit ein (Matthäus 28, 17-20).

Es spricht für die Zuverlässigkeit der Bibel, dass sie uns die Anfechtungen und Zweifel der großen „Glaubenshelden“ nicht verschweigt, sondern offen erzählt – ganz im Unterschied zu vielen späteren frommen Legenden, in denen das Leben von Heiligen in Goldfarbe getaucht wird, um sie makellos und glaubensfest vor uns erscheinen zu lassen. Ich muss da an ein Wort von Martin Luther denken, der bemerkte: „Die Anfechtungen und Zweifel der Heiligen haben mich mehr getröstet als ihre Tugenden“. Darum tun wir gut daran, auch für die Zweifel anderer Verständnis und Mitgefühl aufzubringen.

Klaus Jürgen Diehl